Bereiten gemeinsam für März 2016 im Museum für Angewandte Kunst Gera eine Ausstellung über den Wandel der Ostdeutschen Arbeitswelt von 1945 bis 2015 vor: Dr. Paul Kaiser, Vorstand Dresdener Institut für Kulturstudien e.V., Cornelius J. Fetsch, Vorstand Dresdener Institut für Kulturstudien e.V., Dr. Stefan Mann, Mitglied der Geschäftsführung Wismut GmbH, Holger Saupe, Leiter Kunstsammlung Gera (v. links). Foto: Stadtverwaltung/Helga Walther


Die Ausstellung wird vom Dresdner Institut für Kulturstudien gemeinsam mit der Stadt Gera organisiert und durch die großzügige Unterstützung der Wismut GmbH ermöglicht

Die Ausstellung „Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel 1945 bis heute“ im Museum für Angewandte Kunst Gera (18.3.-26.6.2016) widmet sich dem „System Arbeit“ in Ostdeutschland seit 1945 in der SBZ, der DDR sowie im wiedervereinigten Deutschland. Sie rekonstruiert die Sonderbedeutung der Arbeitswelt in einem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ und stellt die Arbeits- und Lebensbedingungen vor. Dabei stehen vor allem drei große Unternehmen der DDR im Fokus der Ausstellung – die ehemalige SDAG Wismut, die Leuna-Werke und Carl Zeiss Jena. Zudem werden die enormen Leistungen wie auch die Folgen des radikalen Umbruchs der Wirtschaft nach der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung bis heute thematisiert. Für Gera, einer Stadt, die in besonderer Weise vom wirtschaftlichen Transformationsprozess nach 1990 betroffen war, ist nach Worten der Oberbürgermeisterin Dr. Viola Hahn, diese Ausstellung „ein notwendiger Blick zurück, um die Gegenwart besser verstehen zu können. Die Wismut gehört zur Arbeits- und Lebenswelt Zehntausender Menschen in unserer Stadt. So ist diese Ausstellung für viele Besucher auch eine besondere Begegnung und Reflektion mit der eigenen Geschichte.“ Und Cornelius J. Fetsch, Vorstand des Dresdner Institutes für Kulturstudien, betont die Notwendigkeit, sich „der Tradition jener heute für viele Menschen aus dem Blickfeld entschwundenen Form industrieller Arbeit zu stellen.“

Die DDR kann nach Meinung der Ausstellungsmacher um Kurator Dr. Paul Kaiser als eine „arbeiterliche Gesellschaft“ (Wolfgang Engler) charakterisiert werden. Zur Grundlage dieser Sonderstellung der Arbeit wurde eine politisch gesteuerte Vollbeschäftigungswelt. Die zentrale gesellschaftliche Dimension der Arbeit erzeugte ebenso eine weit in das Privatleben hineinwirkende Bedeutung betrieblicher Kollektivität. Betriebe fungierten als „Vergesellschaftungskerne“ und wurden für viele Werktätigen zu einem Lebensmittelpunkt. In der DDR gehörte es zur sozialpolitisch garantierten Selbstverständlichkeit, dass – unabhängig von ökonomischen Kalkülen und der jeweiligen Arbeitsproduktivität eines Sektors – jedermann Arbeit hatte (wenn in vielen Fällen auch nicht diejenige, die sie oder er sich wünschten). Das schloss allerdings auch eine Verpflichtung zur Arbeit ein, die repressiv durchgesetzt werden konnte.

Konzeptionell basiert die Ausstellung auf Themenräumen, in denen die Arbeitsbedingungen in DDR-Betrieben, die Rolle der erwerbstätigen Frau oder auch die schwierige Suche nach Orientierung in den Jahren nach der deutschen Einheit Darstellung finden. Einen besonderen Schwerpunkt bei der Präsentation bilden Kunstwerke, die zumeist aus den Kunstsammlungen der genannten DDR-„Kombinate“ stammen und heute von den Nachfolgeunternehmen bzw. anderen Institutionen verwahrt werden. Diese Kunstwerke spiegeln die Stellung von Arbeit, Arbeitern und „Arbeiterstaat“ in der DDR. Sie werden ergänzt durch zeitgenössische Werke, die nach 1989 entstanden und den anhaltenden Wandel der ostdeutschen Arbeitswelt thematisieren. Eingebunden werden auch zeithistorische und unternehmensgeschichtliche Objekte und Fotografien, Filme und Tondokumente.

Die Kunstwerke stammen zumeist aus den Sammlungen volkseigener Unternehmen. Sie verdeutlichen, dass die bildenden Künste mit ihrer bevorzugten Thematisierung von Arbeitern, Brigaden und industriellen Arbeitswelten die Sonderstellung der Arbeit in der DDR nicht nur symbolisierten, sondern selbst zum Medium einer Aufwertung der Arbeitssphäre wurden. Zugleich ermöglichte die Kunst als Ersatzforum für eine ansonsten politisch abgeriegelte Öffentlichkeit eine über die Arbeitswelt hinausreichende Kommunikation. Deshalb wurden künstlerische Darstellungen der Arbeit im Laufe der DDR-Geschichte zu Registraturen unauflösbarer Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“.

Das Ausstellungsprojekt beschränkt sich nicht auf eine Rekonstruktion der ostdeutschen Arbeitsgesellschaft. Ein integriertes Schulprojekt bringt ebenso die Perspektive der Nachgeborenen ein. Im Schuljahr 2015/2016 haben sich 42 Schülerinnen und Schüler (11./12. Klassen) des Léon-Focault-Gymnasiums in Hoyerswerda mit dem Ausstellungsthema beschäftigt. Es wurden zeithistorische Recherchen zur DDR-Vergangenheit durchgeführt und es entstanden künstlerische Arbeiten, in welcher der Blick auf die DDR-Arbeitswelt wie auch die aktuellen Zukunftssichten der Jugendlichen auf eigene Berufskarrieren veranschaulicht werden.

Die Ausstellung wird vom Dresdner Institut für Kulturstudien gemeinsam mit der Stadt Gera organisiert und durch eine großzügige Unterstützung der Wismut GmbH ermöglicht. Parallel findet vom 7. April bis 28. Juni 2016 eine Dependance-Ausstellung in Erfurt im zentral gelegenen Museum „Neue Mühle“ statt (Di-So, 10-18 Uhr). Unter dem Titel „Fremde Freunde. Ausländische Vertragsarbeiter in der DDR“ wird in Kooperation mit der Abteilung Geschichtsmuseen der Landeshauptstadt Erfurt ein Aspekt des Gesamtthemas näher vorgestellt und zugleich auf die Geraer Ausstellung hingewiesen. Die beiden Ausstellungen in Gera und Erfurt werden von einem umfangreichen Begleitprogramm ergänzt. Aktualisierte Angebote finden sich auf der Homepage des DIK (www.kulturstudien-dresden.de) sowie in der örtlichen Tagespresse.

Das Museum für Angewandte Kunst, Greizer Straße 37, ist Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 12 bis 17 Uhr geöffnet.