Einen bedeutenden Fund hält Stadtarchivar Klaus Brodale aus dem Nachlass des Journalisten und Schriftstellers Heinz Gerisch in den Händen. In einer Mappe mit dem Titel „Maler Otto Dix“ wurden bei der Erschließung Materialsammlungen mit originalen Schriftstücken von Otto Dix, Zeitungsausschnitte, Einladungen und Katalogen zu Ausstellungen (vor allem in Gera) aufgefunden. Foto: Uwe Müller/ Stadtverwaltung


Nicht selten ergeben sich bei Erschließungs- und Recherchearbeiten an neu in das Stadtarchiv Gera gelangten Beständen bisher unbekannte Informationen und Erkenntnissen über Details unserer Geschichte.
Dass dabei aber auch wertvolle und überraschende Funde zutage treten können, zählt eher zu den Ausnahmen. In diesem Zusammenhang konnten in den vergangenen Jahren zum Beispiel ein wertvoller silberner reußischer Doppeltaler aus dem Jahr 1847 in einer Akte der Gemeinde Dürrenebersdorf oder die Bordbücher und Fotos des ersten Geraer Ballonfahrers vom Anfang des 20. Jahrhunderts im Nachlass des Journalisten und Schriftstellers Heinz Gerisch aufgefunden werden.

Gerade im letztgenannten Nachlass, der gegenwärtig in mehreren Übernahmen in das Stadtarchiv übernommen wird, konnten nunmehr die bisher bedeutsamsten dieser „unerwarteten Funde“ ermittelt werden. In einer Mappe mit dem Titel „Maler Otto Dix“ wurden bei der Erschließung Materialsammlungen zum Maler Otto Dix in Form von Zeitungsausschnitten, Einladungen und Katalogen zu Ausstellungen (vor allem in Gera) aufgefunden. Diese sollten sicherlich als Grundlage für eigene Beiträge von H. Gerisch dienen. Unerwartet befanden sich aber hier auch mehrere originale Schriftstücke von Otto Dix.

Im Jahr 1965 hatte Heinz Gerisch zur Vorbereitung eines Interviews Kontakt mit dem Maler aufgenommen. Das Interview wurde am 16.08.1965 in den „Thüringer Neuesten Nachrichten“ veröffentlicht. In den folgenden Monaten dehnte sich die Korrespondenz unter anderem auf die Frage nach der Echtheit des seinerzeit im Besitz von H. Gerisch befindlichen Gemäldes „Blick nach Mühlsdorf“ aus, die der Maler letztlich bestätigen konnte. Allerdings wurde das um 1908 entstandene Bild, das sich heute in der Kunstsammlung Gera befindet, auch mit dem abweichenden Titel „Am Rubitzer Gatter“ bezeichnet. Insgesamt werden mit diesem Zuwachs 19 Originalschreiben bzw. Autographen von Otto Dix in den Beständen des Stadtarchivs Gera verwahrt.

War bereits das Auffinden dieser bisher unbekannten Autographen von Otto Dix ein äußerst bemerkenswerter Fund, so überraschte ein weiteres Schriftstück in dieser Sammlung. Auf einem Kopfbogen des Kurhauses Bad Köstritz vom 15.10.1935 hinterlässt der Geologe Rudolf Hundt eine Nachricht für seinen Freund Otto Dix, mit der er sich über ein nicht zustande gekommenes Treffen mit dem Maler in humorvoller Weise beschwert. Dieses Schreiben bildet die Gegenüberlieferung zu einem Brief und einer Postkarte, die Dix im Vorfeld 1935 an Hundt übermittelte (heute im Bestand der Kunstsammlung Gera). Während letztere bereits mehrfach publiziert wurden, war der Brief vom 15.10.1935 der Forschung bisher nicht bekannt.

Die größte Bedeutung dürfte allerdings die Rückseite dieses Briefes besitzen. Auf der gefalteten Hälfte des Bogens befindet sich eine Bleistiftzeichnung mit dem Portrait von Rudolf Hundt. Diese Zeichnung ist mit der zweifellos echten Signatur von Otto Dix versehen. Nach den Recherchen des Archivs wurde diese Zeichnung bisher lediglich einmal als Abbildung für einen Beitrag von Rudolf Hundt über einen Besuch bei Otto Dix im Heft 08/1958 der Reihe „Wohin in Gera – Geraer Monatsschrift für Kultur und Heimat“ veröffentlicht. Sie galt seit nunmehr fast 60 Jahren in der Fachwelt als „verschollen“.
Es liegt nahe, diese Zeichnung als Vorstufe zu der im gleichen Jahr entstandenen Silberstiftzeichnung des Geologen Hundt anzusehen. Wie der Brief bzw. die Zeichnung in den Besitz von Heinz Gerisch gelangt sind, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.
Zweifellos besitzen die im Nachlass Heinz Gerisch unter der Signatur III F 64 /121 im Stadtarchiv verwahrten Autographen und die Bleistiftzeichnung einen nicht zu unterschätzenden Wert für die Dix-Forschung.