Dr. Bernhard Fisch und Werner Sosat übergaben am 30. Januar 2017 eine umfangreiche Sammlung von Privatdokumenten der Familie Sosat an das Stadtarchiv Gera. Die Konvolute umfassen etwa 200 Briefe und Fotos aus der Zeit zwischen 1944 und den 1960er-Jahren, die meist nach Gera oder von Gera aus adressiert wurden. „Für das Stadtarchiv und die Erforschung der Zeitgeschichte bilden die Dokumente eine Bereicherung“, betont Leiterin Christel Gäbler. „Es kommen neben den bewegenden Ereignissen wie Krieg, Flucht und Vertreibung auch die Alltagssorgen, Emotionen und Handlungsmotive der Schreibenden zum Ausdruck. Eine solch ausgedehnte und in sich geschlossene Familienkorrespondenz stellt einen Glücksfall für jedes Archiv dar, schließlich werden darin die Schicksale konkret greifbarer Menschen aus der weitgehend anonymen Masse der damaligen Bevölkerung für uns nachgeborene Generationen sichtbar.“

Der Briefwechsel der Familie Sosat – hauptsächlich zwischen der Mutter Werner Sosats und ihren Geschwistern – beginnt im Sommer des Jahres 1944. Damals floh die Mutter hochschwanger mit zwei kleinen Töchtern aus dem ostpreußischen Nemmersdorf zu Bekannten der Familie nach Gera. Wenig später wurde das Heimatdorf von der Roten Armee besetzt.

Nach seiner Pensionierung beschäftigte sich Bernhard Fisch intensiv mit dieser Facette der ostpreußischen Geschichte und verfasste unter anderem das Buch „Nemmersdorf, Oktober 1944. Was in Ostpreußen tatsächlich geschah“. Seit fünf Jahren wohnt der einst als Lehrer tätig gewesene Autor nun in Gera und entdeckte auf der Suche nach früheren Weggefährten bei einem Blick ins Telefonbuch kurzerhand die Kontaktdaten Werner Sosats. „Mir kam der Name gleich bekannt vor“, erinnert sich der 90-Jährige. Es stellte sich schließlich heraus, dass Werner Sosat den mittlerweile über 70 Jahre zurückreichenden Briefwechsel seiner Mutter all die Jahrzehnte lang sorgfältig aufbewahrt hatte. Dr. Fisch erwarb die Sammlung daraufhin und begann, die Briefe intensiv zu studieren. In dieser Woche wurden sie schließlich dem Stadtarchiv zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben, um sie auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Wir werden die Briefe zunächst erschließen und sie dann für Recherchen zur Verfügung stellen“, so Christel Gäbler. „Ich danke Herrn Dr. Fisch und Herrn Sosat, dass sie uns mit diesem authentischen Quellenmaterial die Möglichkeit gewähren, in das Leben dieser Zeit noch intensiver eintauchen zu können.“

Foto: Werner Sosat (l.) und Dr. Bernhard Fisch (Mitte) übergeben der Leiterin des Geraer Stadtarchivs, Christel Gäbler, Briefe und Fotos der Familie Sosat. (Stadtverwaltung/Monique Hubka)