Gera wird keine 08/15-Studentenstadt

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Gera wird keine 08/15-Studentenstadt

Von |2016-04-12T06:07:57+00:0012 April 2016|Kategorien: Allgemein|

Auftaktveranstaltung zur Hochschulstadt Gera mit Ministerpräsident Ramelow – Günstiges Wohnen, Parken und Kita-Plätze sind wichtiger als exzessives Studentenleben

Gera nimmt als Hochschulstadt Fahrt auf. Wichtige Impulse vermittelte die Auftaktveranstaltung, zu der Oberbürgermeisterin Dr. Viola Hahn am 5. April in den Rathaussaal eingeladen hatte. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der Präsident der SRH-Fachhochschule für Gesundheit Gera, Prof. Dr. phil. Johannes Schaller, Prof. Dr. Jürgen Müller von der Staatlichen Studienakademie Thüringen Berufsakademie Gera, Heiko Wendrich, 2. Vorsitzender des Studentenfördervereins Gera, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen zu Gera, Peter Höhne, sowie der Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Kultur und Sport, Prof. Dr. Thomas Weil, beleuchteten das Thema. Anlass für den Diskurs: die bevorstehende Aufwertung der Berufsakademie zur Dualen Hochschule. OB Dr. Hahn wies auf steigende Studentenzahlen hin, aber auch darauf, dass die Stadt mit dem Haushalt 2016 rund acht Millionen Euro in die Schulsanierung investiert. „Bildung ist das Maß aller Dinge“, betonte die Rathauschefin.

Einig sind sich alle: Gera wird – und das ist in den angebotenen Studienmodellen begründet, keine klassische Studentenstadt. „Wir wollen gar nicht so werden wie die anderen“, so Prof. Schaller. Denn an der Berufsakademie wechseln Praxis- und Theoriephasen, so dass sich die Studenten nicht ständig in Gera aufhalten. Und die Studierenden an der SRH Fachhochschule investieren Geld in der Größenordnung, die ein Kleinwagen kostet, in ihre Ausbildung. Da sind günstiges Wohnen, billige Parkplätze und Möglichkeiten zur Kinderbetreuung wichtiger als Angebote für ein exzessives Studentenleben. Hinzu kommt: Etwa die Hälfte der Studierenden an der Fachhochschule hat bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung. Sich weiterzubilden zu wollen und sich deshalb noch mal in den Hörsaal und in Seminarräume zu setzen, das wird ein Studienmodell der Zukunft – und auch da sind die Geraer Hochschuleinrichtungen Vorreiter.

„Gera profiliert sich zunehmend als Zentrum im Mittelpunkt von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt“, betonte Ministerpräsident Ramelow. Die Berufsnähe sei das überzeugendste Merkmal der in Gera ansässigen Hochschuleinrichtungen. Zugleich warb er für Zuzüge junger Menschen: „Wer eine gute Qualifikation hat, soll nach Gera kommen.“ Der Thüringer Regierungschef bekräftigte seine Idee, im ehemaligen Bergarbeiterkrankenhaus Flüchtlinge weiterzuqualifizieren.
Prof. Schaller von der SRH Fachhochschule erwartet mehr Unterstützung des Gesetzgebers für die privaten Hochschulen und äußerte sich kritisch zum Subventionsdenken. „Wir müssen eine Leistung abliefern, für die die Studenten bereit sind, Geld zu zahlen.“ Prof. Schaller sieht durchaus Konkurrenz zur Berufsakademie, andererseits werde man „Schulter an Schulter Gera als Hochschulstandort weiterentwickeln“.

Eine Initialzündung hat bereits die Ankündigung der Dualen Hochschule für die Berufsakademie ausgelöst. Prof. Müller berichtete, dass die Zahl der Bedarfsmeldungen um 50 Prozent zum Vorjahreszeitraum emporgeschnellt sei. Auch an der künftigen Dualen Hochschule ist man wirtschaftlich denkend unterwegs – beispielsweise, wenn es um das Einwerben von Drittmitteln für Forschungsprojekte geht. Die Duale Hochschule wolle auch künftig für die Region ausbilden – die überwiegende Anzahl der Studenten bleibt in Mitteldeutschland.

Heiko Wendrich vom Studentenförderverein wünscht sich, dass die Duale Hochschule auch eigenständige Masterstudiengänge anbieten darf und dass die Studenten der privaten Fachhochschule gleichgestellt werden mit den Kommilitonen staatlicher Einrichtungen, beispielsweise beim Semesterticket. Der Studentenförderverein mit seiner „Mission 5000“ wird weiter für die Hochschulstadt Gera werben. Heiko Wendrich übergab einen Bauantrag für eine Werbekampagne an den großen Öltanks in Nachbarschaft der Autobahn. Wendrich verwies darüber hinaus auch darauf, dass es mit dem Hochschul-Campus in Tinz möglich wurde, das ehemalige Wasserschloss zu sanieren: „Der Stadt wurde damit Identitätsstiftendes zurückgegeben.“ Identitätsstiftend könnte ebenso sein, ein Institut nach Otto Lummer, einen Geraer Wissenschaftler, der den Weg zur Quantentheorie bereitete, zu benennen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Höhne erinnerte daran, dass der damalige Jenoptik-Chef Lothar Späth und die IHK-Geschäftsführerin Ingrid Weidhaas die Idee für die Berufsakademie geboren hatten und ihr den Weg ebneten. „Unsere Duale Hochschule hat die Wirtschaftsnähe schon im Blut“, betonte Höhne und bot an: „Nehmen Sie die IHK auch weiter in die Pflicht.“

Für Prof. Weil, Vorsitzender des Bildungs-, Kultur- und Sportausschusses, ist die Hochschulstadt Gera ein bestimmender Teil seines persönlichen Lebensweges. Erst an der Berufsakademie und jetzt an der SRH Fachhochschule brachte und bringt er die Einrichtungen voran. Er ermutigte, den Gründergeist weiter zu befördern und hofft, dass Gera auch künftig kreisfrei bleibt. Mit der Gründung der Berufsakademie seien strukturpolitische Fehlentscheidungen der Vergangenheit beseitigt worden. Prof. Weil warb dafür, Schüler noch intensiver über die Möglichkeiten eines Studiums in Gera zu informieren. In berufsbegleitenden Studienangeboten sieht er bedeutende Expansionsmöglichkeiten sowohl für die Berufsakademie als künftige Duale Hochschule als auch für die SRH-Fachhochschule.

Mit Vorsicht wurde während der Veranstaltung im Rathaussaal die Idee aufgenommen, eine private Kunsthochschule in Gera aufzubauen. Da schreckt offenbar ein an anderes Projekt in Thüringen ab. Ministerpräsident Ramelow äußerte, er begrüße jede private Initiative und wolle diese auch nicht begrenzen, es könne aber auch nicht sein, später das Land unter Zahlungsdruck zu setzen.

Fazit der Veranstaltung: Oberbürgermeisterin Dr. Hahn führte Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen, die gemeinsam zahlreiche Impulse für die weitere erfolgreiche Entwicklung der Stadt einbrachten. Bei Kaffee und Kuchen, den die Agaer Kuchenfrau und Botschafterin der Stadt Antje Otto gebacken hatte, gab es Gelegenheit, weitere Kontakte zu knüpfen und Ideen zu entwickeln. Ein Dankeschön gebührt Florian Deutsch von der Musikschule „Heinrich Schütz“ Gera für die musikalische Ausgestaltung des Abends.

Über den Autor:

Projektleiter bei Plakatwerbung in Gera und gera.digital (was geht in gera), Geschäftsführer bei Plakatzentrale - Pohland & Vollhardt GbR

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